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Fusseln am Mund – Mein Genealogentag in Gotha

Fusseln am Mund, eines meiner Mitbringsel aus Gotha. Will heissen, es gab hier für mich eine Vielzahl von hochinteressanten Gesprächen. Ein breites Grinsen war auch noch dabei…

Nun ist er schon wieder vorbei, der 67. Deutsche Genealogentag 2015 in Gotha. Ein sehr schönes Wochenende war es, das Wetter hat mitgespielt und auch der Großteil der Technik.

Freitag, der 02. Oktober 2015

Das Orangenhaus Foto: Tino Herrmann
Das Orangenhaus Foto: Tino Herrmann
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Die Orangerie bei strahlendem Sonnenschein Foto: Tino Herrmann

Für meine Forscherfreunde von der AGT (allesamt übrigens Genealogen und keine professionelle Veranstaltungsplaner) geht damit eine fast zweijährige Vorbereitungszeit zu Ende. Man sollte glauben, die zwei Tage bedürften keiner großen Anstrengung. Nun wissen wir es besser und beim zum 100. Genealogentag ist dann alles perfekt.

Als ich am Freitag ankam, gab es nur noch wenig für mich zu tun. Meine Forscherfreunde hatten bereits Stühle, Tische, Verlängerungskabel und Stellwände verteilt.

Der norddeutsche Gemeinschaftsstand
Der norddeutsche Gemeinschaftsstand Foto: Tino Herrmann
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PhotoIdent, FamilySearch, Familienbuch Foto: Tino Herrmann

Das Tagungsbüro wurde hochgefahren und unsere Messestände eingerichtet. Ein paar Unklarheiten und Mißverständnisse mussten geklärt werden und es gab noch ein paar Tische zu rücken. Auch das Ausladen musste im Auge behalten werden, damit die Orangerie eben eine solche blieb und nicht zum Parkplatz wurde. Trotzdem war es wie ein kleines Familientreffen. Viele langjährige Forscherfreunde von genealogischen Vereinen aus Nah und Fern traf ich nun seit längerer Zeit endlich einmal wieder.

Dann aber endlich die Eröffung der Ausstellung durch die Veranstalter DAGV und AGT mit dem Hinweis auf die darauf folgende Eröffnungsveranstaltung im Theatersaal des Kulturhauses.

Christian Kichner, Dirk Weissleder und Manfred Wegele; Foto: Tino Herrmann
Christian Kichner, Dirk Weissleder und Manfred Wegele; Foto: Tino Herrmann

Also schnell nochmal den Frack gewechselt und die hundert Meter hinüber zum Kulturhaus. Dort begrüßten Christian Kirchner und Dirk Weissleder die Teilnehmer auf Deutsch und Schwedisch.

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Christian Kirchner, Vorsitzender der AGT; Foto: Tino Herrmann
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Dirk Weissleder, Vorsitzender der DAGV; Foto: Tino Herrmann

Es wurden noch drei Ehrungen für verdiente Genealogen vergeben, wobei man wohl zukünftig für eine Laudatio ein Zeitlimit setzen wird. Über die eine, bei der es vom Laudator immer noch einen schwäbischen Satz hinzuzufügen gab habe ich nämlich vergessen, wer überhaupt geehrt wurde. Alle warteten bereits gespannt auf den Höhepunkt der Eröffnungsveranstaltung und über Twitter kamen schon die ersten Fragen, wann das endlich ein Ende nimmt.

Dann kam er endlich, Knut Kreuch, seit über 30 Jahren begeisterter Genealoge und scheinbar im Nebenberuf auch Oberbürgermeister der Stadt Gotha.

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„Let me entertain you!“ OB Knut Kreuch; Foto: Tino Herrmann

Sein Vortrag „Gotha, wie Sie es nie erwartet hätten“ war leider der einzige, den ich besuchen konnte. Auch wenn ich seinen Vortrag schon mehr als einmal gehört habe, es ist immer wieder ein Erlebnis. Manch einer hat vor Lachen fast in die Sessellehne gebissen. Meldungen über Twitter zufolge wollte man ihn sogar mit nach Hause nehmen. Wusstet Ihr, das Gotha auch eine Region in Äthiopien ist?

Dass mein Familienname Herrmann einer der ältesten Gothaer Familiennamen ist und dort im Jahre 1358 in Gotha urkundlich erwähnt wurde, war mir allerdings neu (Im Video ab 32:30). Danke für den Hinweis Knut!

Wie von Zauberhand gebremst hielt pünktlich nach der Eröffnungsveranstaltung eine Straßenbahn direkt vor dem Kulturhaus, um die Gäste zum Hotel Lindenhof zu bringen. Für mich hieß das: Nun aber ab ins Hotel und zwar nach Grabsleben (heute ein Ortsteil der Gemeinde Drei Gleichen). Warum gerade raus aufs Dorf? Ich wollte einfach mal wissen, wie es sich dort schläft. Anmelden, Koffer auspacken und dann noch schnell was essen. Eigentlich wollte ich noch einmal nach Gotha zum Lindenhof auf einen netten Plausch. Irgendwie hab ich mich dann aber in der Gaststube mit dem Ortsteilbürgermeister und einigen anderen Gästen in genealogischen Gesprächen vertieft und bin nun begeistert, wieviel ich dort wieder für mein Ortsfamilienbuch erfahren habe.

Samstag, der 03.10.2015

Früh um 07:00 Uhr weckt mich die Glocke von St. Magdalenen in Grabsleben. Mein UrUrgroßvater und viele seiner Vorfahren vor ihm werden wohl auf die gleiche Weise geweckt worden sein. War aber wohl nicht der Grund für seinen Wegzug nach Seebergen.

In der Orangerie und im Kulturhaus waren einige Mitstreiter bereits vor 08:00 Uhr im Gange. Es dauerte auch gar nicht lange, bis die ersten Besucher eintrudelten, um von uns Hilfe bei ihrer Ahnenforschung zu bekommen oder einfach nur nach dem Weg zum Vortragssaal zu fragen. So mancher stellte sich als Forscherfreund vor, mit dem ich bereits über Monate oder Jahre regen Schriftverkehr betrieb. Nun haben wir uns dann endlich einmal persönlich kennenlernen können. Eigentlich hatte ich ja auch ein paar Vorträge gebucht, kam aber irgendwie nicht vom Fleck. Da hab ich mich gefreut, dass Timo Kracke seinen Vortrag noch einmal online gestellt hat. Hoffentlich folgen noch andere seinem Beispiel.

Unser AGT-Stand war strategisch gut am Haupteingang des Orangenhauses platziert. Wir wollten damit vor allem die Wegweiserfunktion für den Vortragsraum (für eine Tür hatte zwar der Zimmermann ein Loch in der Wand gelassen, zu unserem Erstaunen war da aber keine) wahrnehmen und als Ansprechpartner für die Aussteller vor Ort sein. Die Rückmeldungen zeigen uns, dass wir hier gar nicht so schlecht waren.

Andererseits haben wir natürlich auch auf die neugierigen Besucher gehofft, die vielleicht gerade erst mit der Ahnenforschung begonnen haben oder irgendwo mittendrin hängen geblieben sind. Und so war es dann auch. Bis auf ein oder zwei halbstündige Monologe über den Werdegang eines (mir nicht bekannten) UrUrUrgroßvaters waren es vor allem die Anfänger, die Rat und Hilfe bei uns suchten. Ziel erreicht!

Vorrangig drehten sich die Fragen um den Zugang zu den Kirchenbüchern, da man wohl selber beim Pfarrer nicht weitergekommen ist. Ein grosser Teil der thüringischen Kirchenbücher (die hessische Herrschaft Schmalkalden mal ausgenommen) ist eben noch nicht online und maximal auf Film in Eisenach oder Magdeburg einsehbar. Auch wir als genealogischer Verein haben da eben nur begrenzte Möglichkeiten und leider auch keinen Einfluss auf die Geistlichkeit. Gleichzeitig haben wir um Verständnis für die Pfarrämter geworben, die heute noch weniger Zeit für die schönste Nebensache der Welt haben.

Andere benötigten Lesehilfe oder Unterstützung bei der Aufklärung eines „Toten Punktes“. Bei mobilen Berufsgruppen (Schäfer, Müller, Gastwirte, Beamte etc.) gestaltet sich das ohne flächendeckende Aufarbeitung eben sehr schwierig. Zumindest im Bereich Pfarrer und neuerdings auch Schuldiener sieht die Lage schon besser aus.

Ein grosses Problem stellt jedoch für die meissten Forscher das Provinienzprinzip dar. Hier muss man sich gedanklich vom heutigen Bundesland Thüringen lösen und den „Thüringer Flickenteppich“ zum schweben bringen. Wir hatten eben viel mehr Staaten, die Sachsen hießen als der heutige Freistaat Sachsen selbst. Und wann das Dorf, in dem der Vorfahre mal wohnte, zu einem dieser Sachsen-Gotha, -Weimar, -Saalfeld, -Meiningen, -Römhild, -Altenburg usw. gehörte, erschließt sich nicht jedem sofort. Wo dann entsprechend die Primärquellen archiviert sind, ist nunmal davon abhängig. Dass es neben den Kirchenbüchern auch viele Quellen gibt, die mehr als die reinen „Friedhofsdaten“ liefern, ist manch einem auch neu gewesen.

Und dann waren da auch noch die Forscherfreunde aus Nah und Fern, die sogar etwas für uns mitbrachten. Ich erinnere mich gern an das Gespräch mit Jos Kaldenbach aus den Niederlanden, der sich mit der Ostindien Companie (V. O. C.) beschäftigt. Er kam nach seinem Vortrag noch einmal zu uns, um mitzuteilen, dass er ca. 450 Gothaer Landeskinder in den Akten gefunden hat. Dabei haben wir uns auch über die  1-2 Gothaischen Regimenter unterhalten, die über Jahrzehnte an die Vereinigten Generalstaaten verliehen waren.

Zusammen mit seinem Landsmann und AGT-Mitglied Dick Lens war Jos Kalnbach vorher im Landeskirchenarchiv Eisenach, um die Familie Lenz aus Sülzenbrücken zu erforschen. Ich freue mich schon auf das Ergebnis, da ich auch von dieser Familie abstamme.

Manch einem konnten wir leider nicht sofort weiterhelfen. Aber eben Tips geben, wo man vielleicht weitersuchen könnte, wenn Google, FamilySearch und Co. nicht weiterhelfen.

Für 11:00 Uhr hatte sich Prof. Jürgen Udolph angesagt. Bis 13:00 Uhr stand er am AGT-Stand für Fragen zu Familiennamen und Autogrammwünsche zur Verfügung. Parallel zu seinen Ausführungen habe ich, soweit möglich die gesuchten Namen in meiner Datenbank gesucht und konnte ein paar Namens-Vorkommen im Mittelthüringer Raum ergänzen. Telefonbuch-CDs vom Herzogtum Sachsen-Gotha gab es vor 1900 ja noch nicht.

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Prof. Jürgen Udolph am Stand der AGT, Foto: Jörg Keyßner

Dann war da ja auch noch die Twitter-Wall, zu der ich bisher gar nicht gekommen war. Timo Kracke hat mir dabei geholfen, obwohl es letzten Endes doch nur ein Monitörchen wurde, gab es doch viele interessierte Blicke und Fragen dazu.

SocialMediaWall, Foto: Tino Herrmann
SocialMediaWall #67DGT15, Foto: Tino Herrmann

Abendveranstaltung

Nach Ende der Veranstaltung fanden wir uns wenig später im schön ausgebauten Dachgeschoss des Hotels Lindenhof ein, dessen bauliche Substanz wohl bereits seit den 1930ern bis zum Ende der DDR-Zeit eher militärischen Zwecken diente.

Unsere gute Barbara hatte ihre wahre Not, die Einlasskontrolle für fast 200 Gäste zu händeln. Keiner konnte sich wohl noch an die sozialistischen Wartegemeinschaften, die wir vor 25 Jahren noch täglich pflegten erinnern. Nachdem jeder nun einen Platz gefunden hatte, stand ein typisch thüringisches Gericht auf der Karte. „Klöße auf Rotkohl an Roulade“ (der Menge nach geordnet), das wäre fast schon als vegetarisch durchgegangen. Nach den vielen leckeren (echt Thüringer!) Bratwürsten des Tages war das für mich aber gar nicht weiter tragisch.

Danach stand natürlich auch ein wenig Regional-Kultur auf dem Programm. Die Tambacher „Thüringer Trachtengruppe der Sieben Täler e.V.“ mit einem erstaunlich norddeutsch klingenden „Vortänzer“ gaben uns einen halbstündigen Überblick über die gothschen Tänze und Trachten. Und auch da konnte ich wieder etwas dazu lernen.

Sonntag, der 04.10.15

Auf zum letzten Tag! Und auch heute schien wieder die Sonne, es versprach ein schöner Tag zu werden.

Pünktlich um 08:00 Uhr waren wir wieder an unseren Plätzen und auch heute gab es für uns wenig Langeweile. Es gab schon ein paar Stände weniger, die weiter angereisten Aussteller hatten am Samstagabend ihre Zelte abgebrochen. Leider auch meine Forscherfreunde aus Niedersachsen, die ich gern mal aufgesucht hätte.

Manch ein Kurzbesucher vom Samstag kam noch einmal vorbei, um ausführlicher mit uns zu klönen oder einen Aufnahmeantrag für die AGT auszufüllen. Und wenn nicht, haben wir immer mal wieder die Herbstsonne in der Orangerie genossen.

Ab 13:00 Uhr hat viele dann doch das Heimweh gepackt und die Stände wurden abgeräumt und zusammengepackt. Der eine oder andere hat sich noch zum Theatersaal begeben, um die Abschlußveranstaltung mit Gatterer-Medaille und Staffel-Übergabe zu erleben.

Dann hieß es adé Du schönes Gotha! Mit viel Arbeit und Informationen für die nächsten Wochen ging es nach Hause.

Zum Schluß noch meine aktuelle Empfehlung für lange Autofahrten: Sabine Ebert: „1815 – Blutfrieden“, passt durchaus zum Thema und zur Region Mitteldeutschland vor genau 200 Jahren!

Hier noch ein paar Impressionen vom Genealogentag:

 


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